„Svět na dlani": konstrukce a symbolika oválných broží (The World at Hand) – Projekt Forlǫg¶
Informationen
- Untertyp
- Online-Artikel
- Autor
- Tomáš Vlasatý
- Erscheinungsjahr
- 2020
- Sprache
- Tschechisch
- Publikation
- Projekt Forlǫg (sagy.vikingove.cz)
- DOI
- 10.59500/forlog
- ISSN
- 2788-3000
- URL
- sagy.vikingove.cz/svet-na-dlani
„Svět na dlani" – Projekt Forlǫg
Der Artikel liegt nur auf Tschechisch vor; „'The World at Hand': The Construction and Symbolism of Oval Brooches" ist der englische Titel laut Sitemap der Seite. Eine englische Fassung existiert nicht.
Quellenübersicht¶
Ausführlicher Übersichtsartikel von Tomáš Vlasatý (14. Februar 2020) zu skandinavischen Ovalfibeln (Schalenfibeln): Funktion, Typologie, Konstruktion und Symbolik. Ovalfibeln sind ein paarig getragener Schmuck aus reich ausgestatteten Frauengräbern des skandinavischen Kulturraums (rund 4000 bekannte Exemplare, nach Jansson 1985). Sie schlossen die Träger des wollenen Trägerrock-Obergewands und saßen exponiert auf der Brust. Der Artikel referiert die Typologien von Rygh, Petersen und Jansson, beschreibt detailliert die Herstellung (Guss in zweiteiligen Lehmformen, bevorzugt im Wachsausschmelzverfahren nach Söderberg 2018) sowie Konstruktionsdetails ein- und zweischaliger Fibeln (Nadelbefestigung, Vergoldung, Silberpaneele, Filigran, Niello, Drähte, nicht gegossene Buckel) und schließt mit einer Deutung der Fibel als mögliche Abbildung altnordischer Kosmos-Modelle. Anlass des Artikels ist laut Autor die kritische Aufarbeitung der nicht gegossenen Buckel, die im Fundkorpus meist fehlen und bei Reenactment-Rekonstruktionen oft falsch (z. B. mit Perlen) wiedergegeben werden.
Inhalt¶
Autor: Tomáš Vlasatý | 14. Februar 2020 | Projekt Forlǫg (sagy.vikingove.cz)
DOI: https://doi.org/10.59500/forlog | ISSN: 2788-3000
Verbreitung und Funktion (nach Vlasatý, mit Primärzitaten)¶
- Rund 4000 Exemplare bekannt; Verteilung nach Jansson 1985: über 1500 Norwegen, 1500 Schweden, 160 ehem. Sowjetunion, 120 Dänemark, 75 England, 50 Haithabu, 35 Island.
- Massenproduktion in den entstehenden skandinavischen Proto-Städten; die Fibeln zeigen nur geringe Abweichungen von den Grundmodellen (Jansson 1985; Sindbæk 2014).
- Primärfunktion: Verschließen der Träger des wollenen Obergewands; die Nadel wurde erst durch das kurze vordere, dann das lange hintere Trägerband geführt. Die Fibeln betonten die Brust und zeigten den Status der Besitzerin.
- Fast alle Fibeln aus Kupferlegierung → gehörten nicht der obersten Gesellschaftsschicht, sondern wohl prosperierenden Bauernhaushalten (Jørgensen 2008; Jesch 2015); Verbreitungsschwerpunkt in landwirtschaftlich günstigen Gebieten.
- Möglicher altnordischer Name: dvergar („Zwerge"), nach Rígsþula Strophe 16 („dvergar á ǫxlum") und Dronke 1997.
Typologie (nach Rygh 1885, Petersen 1928, Jansson 1985)¶
- Grundlegende Ordnung: Rygh 1885; erweitert von Petersen 1928 (Vikingetidens Smykker, Typnummern P… nach Abbildungsnummern); maßgeblicher Katalog und Detailanalyse der Birka-Fibeln: Jansson 1985.
- Zwei Hauptgruppen nach Jansson: Fibeln ohne ausgeprägtes Gitter (Berdal-Gruppe P11–24; Borre/Jelling-Gruppe P47–50, P57) und Fibeln mit ausgeprägtem Gitter (P25–46, P51–56).
- Daneben zahlreiche Einzelstücke/Unikate; lokale Weiterentwicklungen z. B. im heutigen Lettland bis ins 13. Jahrhundert (Spirgis 2007).
Konstruktion (nach Vlasatý)¶
- Einschalige Fibeln (P11–39, P47): ein Gussmantel, Dekor vorn, Nadelsystem hinten. Zweischalige Fibeln (P40–46, P48–57): Basis + durchbrochene „Krone", vernietet.
- Guss in zweiteiligen Formen aus Lehm (mit Sand und organischem Material gemagert); das Wachsausschmelzverfahren ist bei Massenproduktion am zeitsparendsten und detailtreusten (Jansson 1985; Söderberg 2018 — Fotoanleitung des Sigtuna-Kurators Anders Söderberg im Artikel). Schätzung: 60 Wachsmodelle in einer halben Stunde; drei Handwerker ca. 1000 Stück pro Monat (Hedegaard 1992).
- Nadel: fast immer Eisen, geschmiedet, leicht gebogen, mit Federschwänzchen; Länge ca. 6–7 cm (große Fibeln) bzw. 3,5–5 cm (kleine), Dicke 3–5 mm (Jansson 1985).
- Vergoldung: Feuervergoldung vs. Blattvergoldung; analysiert nur zwei Birka-Fibeln — P51 aus Grab Bj 644 feuervergoldet, P52 aus Grab Bj 943 blattvergoldet (Oldeberg 1943/1966; Technik nach Aufderhaar 2009, in der Wikingerzeit wohl mit Blei statt Quecksilber).
- Silberpaneele mit Gravur, Treibarbeit oder Filigran, selten mit Niello gefüllt (Jansson 1985; Rezept nach Theophilus Presbyter).
- Silberdrähte und -bleche bilden bei durchbrochenen zweischaligen Typen (P42–44, P51, P54 bzw. P33–34, P38–41) das kontrastierende Gitter der Krone.
- Buckel: Kern aus Zinn-/Bleilegierung (diente als Lot) mit übergezogenem, verziertem Silberblech; Hauptfunktion war das Halten der Niete, die Krone und Basis verbinden (Watson et al. 2011; Jansson 1985) — keine Perlen, wie in Rekonstruktionen oft angenommen.
- Sonderfall P41: Krone nur auf dem Kuppelscheitel, von neun Buckeln gerahmt; bei der Fibel aus Grab 36 von Alt-Uppsala war die Basis vergoldet, die Krone aus Silber gegossen und darunter ein farbiger Stoff eingelegt, sichtbar durch den durchbrochenen Dekor (Larsson 2014).
- Umfassungsdrähte aus Silber kaschieren den Übergang zwischen Krone und Basis (2, 4 oder 8 Befestigungslöcher; z. B. Fibel aus Grab Bj 965 mit Drähten auf drei Ebenen).
- Beispielfunde mit Inventarnummern (Auswahl, wie im Artikel genannt): Rygg, Norwegen (B6177, Typ P51, Länge 10,6/11 cm); Kalnes, Norwegen (T17716, Typ P43, Länge 11,7 cm); Norheim (S4105, P51); Nomeland (C1283, P51); Gjemmestad (B12550, P33); Bakkan (T8524, P41); Birka-Gräber Bj 550, Bj 556, Bj 606, Bj 644, Bj 845, Bj 857, Bj 860B, Bj 943, Bj 950, Bj 965.
Symbolik (Deutung des Autors)¶
- Die Fibeln demonstrieren nahezu alle Schmuckhandwerkstechniken ihrer Zeit (Gießen, Schmieden, Vergolden, Nieten, Löten, Punzieren, Treiben, Filigran, Niello, Drahtherstellung).
- Ovale Form nach Callmer 2006 Verweis auf Fruchtbarkeit; Vlasatý deutet die Fibeln zudem als mögliche Darstellung der horizontalen und vertikalen Kosmos-Modelle des altnordischen Weltbilds (nach Michalíková 2012; Starý–Kozák 2010): Krone = geordnete Innenwelt (Ásgarðr/Miðgarðr), Umfassungsdraht = Grenze, Krempe = Peripherie (Útgarðr); neun Buckel mit Bezug zur mythischen Weltordnung; gebundene Tiere im Ornament.
- Frühe seltene Stücke mit christlicher Symbolik, die mit der Massenproduktion des 9. Jahrhunderts verschwand (Sindbæk 2014).
- Angelsächsische Parallele: das ovale Diagramm des Byrhtferth von Ramsey (Anfang 11. Jh., überliefert in zwei Handschriften des 12. Jh.: British Library Harley MS 3667, St John's College MS 17).
Bibliografie (über Vlasatý zitiert)¶
- Arbman, Holger (1940–1943), Birka I. Die Gräber
- Aufderhaar, Iris (2009) – zur Vergoldungstechnik im 1. Jt. n. Chr.
- Callmer, Johan (2006) – Ornament und weibliches Geschlecht in Ostmittelschweden
- Dronke, Ursula (1997), The Poetic Edda. Vol. 2 – zum Namen dvergar
- Duczko, Wladyslaw (1985), Birka V: The Filigree and Granulation Work of the Viking Period
- Geijer, Agnes (1938), Birka III. Die Textilfunde aus den Gräbern
- Hedegaard, Ken R. (1992) – zum Bronzegusshandwerk
- Jansson, Ingmar (1985), Ovala spännbucklor – Standardwerk zu Ovalfibeln
- Jørgensen, E. (2008), Ovale Spenner i Trøndelag
- Larsson, Annika (2014) – zur P41-Fibel aus Grab 36, Alt-Uppsala
- Michalíková, Jana (2012) / Starý, Jiří – Kozák, Jan (2010) – altnordische Kosmologie
- Oldeberg, Andreas (1943; 1966) – Metalltechnik
- Petersen, Jan (1928), Vikingetidens Smykker – Typologie
- Rygh, Oluf (1885), Norske Oldsager
- Sindbæk, Søren (2014) – christliche/nichtchristliche Bildmotive auf Ovalfibeln
- Spirgis, Roberts (2007) – livländische Schildkrötenfibeln an der Düna
- Söderberg, Anders (2018) – experimentelle Formherstellung (EXARC Journal 2018:4)
- Watson, J. et al. (2011) – Konservierungsbericht Cumwhitton (zu Buckeln/Nieten)
Weiterführende Links¶
Behandelte Fundorte¶
- Birka – Uppland, Schweden (Fibelkorpus der Gräber, u. a. Bj 644, Bj 943)