Naturfarbstoffe: Farben mit Geschichte¶
Informationen
- Untertyp
- Zeitschriftenartikel
- Autor
- Sabine Struckmeier
- Erscheinungsjahr
- 2003
- Sprache
- Deutsch
- Zeitschrift
- Chemie in unserer Zeit
- Verlag
- Wiley-VCH
- Band
- 37
- Heft
- 6
- Seiten
- 402-409
- DOI
- 10.1002/ciuz.200300275
- URL
- www.cup.lmu.de/ac/rusan/site/assets/files/1032/naturfarbstoffe_1.pdf
Naturfarbstoffe: Farben mit Geschichte
Quellenübersicht¶
Dieser akademische Artikel von Sabine Struckmeier (Universität Hannover) gibt einen Überblick über Naturfarbstoffe und ihre Geschichte, vom Mittelalter bis zur industriellen Gegenwart. Ausgehend von der sozialen Bedeutung der Farbe als Klassenmerkmal erläutert der Text die drei Grundverfahren der Textilfärberei: Küpenfärberei (Indigo, Waid, Purpur), Direktfärbung (Saflor, Safran, Krapp) und Beizenfärberei (Krapp, Kermes, Cochenille, Wau). Besonders wertvoll ist die Verbindung zu archäologischen Textilfunden aus Nordeuropa, darunter Rekonstruktionen des Thorsberg-Prachtmantels.
Inhalt¶
Autorin: Sabine Struckmeier, Universität Hannover | Institut für Textil- und Bekleidungstechnik und ihre Didaktik
Farbe als soziales Symbol im Mittelalter¶
Farbe diente hauptsächlich als soziales Unterscheidungsmerkmal:
- Höfische Gesellschaft: leuchtende, tiefe Farbtöne (Zeichen der Vornehmheit)
- Hörige und Unfreie: gebrochene Farbtöne (grau, braun), ungefärbt
- Farbe auch als Ausdruck von Lehns- und Gefolgschaftsverhältnissen → Ursprung von Amtstrachten und Uniformen
- Zwangstrachten: Kennzeichnung von Randgruppen (Kölner Rat 1389: Dirnen sollen rote Schleier tragen; Judentracht seit Kreuzzügen)
Entwicklung der Textilherstellung¶
- Älteste gefärbte Gewebereste: Ägypten, ca. 3.200 v. Chr. (Krapp identifiziert)
- Moorfunde aus Nordeuropa (germanische Zeit): durch Huminsäure braun verfärbt; ursprüngliche Farbgestaltung durch Analyse rekonstruierbar
- Technikentwicklung: nach Zerfall des Römischen Reiches gingen viele Färbetechniken verloren; Wiederbelebung über Byzanz → Italien und Spanien
- Ab 12. Jahrhundert: Zunftbildung, Qualitätsstandards, Geheimhaltung von Techniken
- 14. Jahrhundert: Verlagssystem nach flämischem Vorbild
Archäologisches Beispiel:
- Rekonstruktion des Prachtmantels von Thorsberg (3. Jh. n. Chr.) und des Prachtmantels aus dem Vehnemoor (4. Jh. n. Chr.): beide im Textilmuseum Neumünster
Küpenfarbstoffe¶
Wasserunlösliche Farbstoffe, die durch Reduktion in lösliche Leukoform überführt werden, auf der Faser aufziehen und durch Luftsauerstoff zum Farbstoff rückoxidiert werden.
Ausgewählte Küpenfarbstoffe:
| Name | Lat. Name | Hauptfarbstoff | Farbe |
|---|---|---|---|
| Purpurschnecke | Bolinus brandaris | 6,6'-Dibromindigo | Rotstichiger Purpur |
| Purpurschnecke | Hexaplex trunculus | 6,6'-Dibromindigo | Blaustichiger Purpur |
| Waid | Isatis tinctoria | Indigo | Blau |
| Indigostrauch | Indigofera tinctoria | Indigo | Blau |
Waid: Waid (Isatis tinctoria) enthält Indigo in farbloser Vorstufe (Isatan B). Durch Gärungsprozesse entsteht Indoxyl, das durch Sauerstoff zu Indigo oxidiert. Waid wurde ab dem 17. Jh. vom ertragreicheren Indigostrauch (10× mehr Farbstoff) abgelöst — trotz Schutzgesetzen für europäische Waidproduzenten.
Purpur: Gewonnen aus Drüsensekreten der Purpurschnecke. Farbkomponente: 6,6'-Dibromindigo. Blütezeit der Purpurfärberei endete mit Teilung des Römischen Reiches; letzte Produktionsstätten in Tyrus gingen mit dem Fall Konstantinopels 1453 verloren.
Direktfarbstoffe¶
Binden ohne Vorbehandlung physikalisch an die Faser auf. Nur durch Temperatur und Dauer beeinflusst.
Ausgewählte Direktfarbstoffe:
| Name | Lat. Name | Hauptfarbstoff | Farbe |
|---|---|---|---|
| Saflor | Carthamus tinctorius | Carthamin (Saflorrot) | Rot (geringe Echtheit) |
| Krapp (direkt) | Rubia tinctorum | Alizarin | Orangebraun |
| Flechten (Orseille) | Rocella tinctorica | Lecanorsäure | Bläulichrot |
| Safran | Crocus sativus | Crocetin | Gelb |
Beizenfarbstoffe¶
Farbstoffe, die durch Metallsalz-Beizen dauerhaft auf der Faser fixiert werden. Unterschiedliche Metallsalze ergeben unterschiedliche Farbtöne.
Ausgewählte Beizenfarbstoffe (Auswahl):
| Name | Lat. Name | Hauptfarbstoff | Farbe mit Alaun |
|---|---|---|---|
| Krapp | Rubia tinctorum | Alizarin | Leuchtendrot |
| Kermes | Kermes vermilio | Kermessäure | Scharlach |
| Cochenille | Dactylopius coccus | Karminsäure | Karminrot |
| Wau | Reseda luteola | Luteolin | Zitronengelb |
| Färberginster | Genista tinctoria | Luteolin | Zitronengelb |
| Saflor | Carthamus tinctorius | Saflorgelb | Gelb |
Krapp (Rubia tinctorum) war jahrtausendelang die wichtigste Pflanze für Rottöne. Der Hauptfarbstoff Alizarin sitzt in den Wurzeln und ergibt erst mit Alaunbeize das leuchtende echte Rot. Das Türkischrot-Verfahren (spezielles Färbverfahren auf Cellulosefasern) wurde noch im Ersten Weltkrieg für französische Infanteriehosen verwendet.
Alaun als wichtigstes Beizmittel: Bis zur Entdeckung der Alaunminen in Tolfa (15. Jh.) war Europa auf Lieferungen aus dem Orient angewiesen.
Schwarzfärbung: Mit Eisensalzen/„Galle" und Gerbstoffen; macht Textilfasern häufig brüchig (erkennbar an zerstörten schwarzen Partien in antiken/mittelalterlichen Fragmenten).
Zusammenfassung¶
Bis zur Einführung synthetischer Farbstoffe wurde mit Naturfarbstoffen wie Waid, Purpur und Krapp gefärbt. Die grundlegenden Verfahren (Küpen-, Direkt-, Beizenverfahren) bilden noch heute die Grundlage moderner Färberei.
Weiterführende Links¶
- Sabine Struckmeier: Naturfarbstoffe: Farben mit Geschichte, Universität Hannover, Institut für Textil- und Bekleidungstechnik und ihre Didaktik