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Rezension: Silke Eisenschmidt & Ute Arents, Die Gräber von Haithabu

Informationen
Untertyp
Rezension
Autor
Andres S. Dobat
Erscheinungsjahr
2012
Erscheinungsdatum
2017-11-16
Journal
Bonner Jahrbücher
Band
210/211
Seiten
780-783
DOI
10.11588/bjb.2010.0.42635
ISSN
0938-9334
Sprache
Deutsch
URL
doi.org/10.11588/bjb.2010.0.42635
Anmerkung
Rezensiertes Werk: S. Eisenschmidt & U. Arents, Die Gräber von Haithabu (Die Ausgrabungen in Haithabu 15), Wachholtz, Neumünster 2010

Andres S. Dobat (Aarhus) bespricht den zweibändigen Band „Die Gräber von Haithabu" von Silke Eisenschmidt und Ute Arents (Die Ausgrabungen in Haithabu; Wachholtz, Neumünster): Band I Text und Literatur, Band II Katalog, Listen, Tafeln und Beilagen. Sein Urteil ist rundum positiv — die Rezension beginnt mit „Endlich!": Mit der Vorlage aller in Haithabu und dem näheren Umfeld bekannten Gräber werde eine Lücke im Quellen- und Forschungsstand geschlossen. Während in Birka und Kaupang die Grabfunde traditionell die Hauptrolle spielten, standen in Haithabu immer die Siedlungsfunde im Vordergrund; die Grabfunde waren bislang nur in Ausschnitten zugänglich. Katalog und Teile des Textbandes gehen auf die Dissertation von Ute Arents zurück, große Teile des Textbandes hat Silke Eisenschmidt aktualisiert, erweitert bzw. neu verfasst (u. a. die Einzeluntersuchungen der Gegenstandsgruppen und die analytischen Abschnitte).

Aufbau (nach der Rezension). Der Katalogband erschließt die Grabfunde innerhalb und im näheren Umfeld des Halbkreiswalls, geordnet nach Gräberfeldern, mit allen verfügbaren Angaben zu Grabform, anthropologischer Beobachtung und Funden; es folgen ein Listenteil (Grabformen, Fundkategorien), ein umfassender Tafelteil mit den originalen Befunddokumentationen und Fundzeichnungen/Fotografien sowie vier großformatige Faltpläne des Flachgräberfeldes und des Südgräberfeldes (diese stehen laut Vermerk im Katalog zusammen mit elf Plänen auch online zum Download bereit: www.zbsa.eu/publikationen, www.schloss-gottorf.de). Der Textband beginnt mit einer Einleitung zu Haithabu und einem Abriss der Forschungsgeschichte, behandelt dann das Fundgut aus den Bestattungen nach Funktionsgruppen (Hauptkategorien: Waffen und Pferdezubehör; Tracht- und Körperschmuck; Tafelgeschirr und persönliches Gebrauchsgut), diskutiert die Bestattungsformen (u. a. Brandschüttungs-, Brandgruben- und Urnengräber; unter den Körpergräbern Erd-, Sarg- und Kammergräber, dazu Grabmarkierungen), analysiert Struktur und Chronologie der Gräberfelder (mit elf farbigen Gräberfeldplänen) und schließt mit der kulturgeschichtlichen Interpretation und einer ausführlichen englischen Zusammenfassung.

Referierte Kernaussagen. Die kulturgeschichtliche Interpretation widmet sich vier Problemfeldern: demographische, ethnische, religiöse und soziale Differenzierung. Eine Lebenspyramide der Bevölkerung ist wegen der schlechten Erhaltungsbedingungen des anthropologischen Materials nicht möglich. Ethnisch ist von einer heterogenen Bevölkerung auszugehen (die Schriftquellen nennen neben Dänen auch Sachsen, Friesen und Slawen); archäologisch lassen sich einzelne Bestattungen mehr oder weniger eindeutig zuordnen (insbesondere Friesen und Dänen), in der Mehrzahl der Fälle jedoch nicht — auch weil weniger als ein Fünftel der Bestattungen in Haithabu Grabbeigaben enthält. Auch religiös erlaubt das Material keine eindeutigen Aussagen; das Flachgräberfeld und die Beisetzungen am Noor sprechen die Verfasserinnen mit Vorbehalt als mögliche Nekropolen christlicher Bevölkerungsgruppen an. Soziale Differenzierung zeigt sich in herausragenden Bestattungen wie dem Bootkammergrab und den Kammergräbern. In der Schlussbetrachtung werden die Grabfunde im Zusammenhang mit der Entwicklung Haithabus vom achten bis elften Jahrhundert analysiert — von einem Saisonhandelsplatz friesischer Händler und Handwerker hin zu einem multiethnischen frühstädtischen Zentrum; die Grabhügel von Selk deuten auf eine Frühphase im achten Jahrhundert, in den Schwertfunden von Busdorf sehen die Verfasserinnen mögliche Hinweise auf einen mit Haithabu verbundenen Königshof. Festgehalten wird, dass bislang nur ein Bruchteil der ursprünglich angelegten Gräber untersucht sein dürfte; offen bleibt die Frage, ob die einzelnen Nekropolen nicht Teile eines zusammengehörigen, von West nach Ost ausgedehnten Gräberfeldes sind. Die Autorinnen rufen zu neuen Untersuchungen und zur Anwendung naturwissenschaftlicher Methoden (u. a. Strontiumisotopenmessung) auf.

Bewertung. Dobat sieht das Werk als künftige Standardreferenz für antiquarische Studien zu frühmittelalterlichen Fundgruppen in Skandinavien und als Standardwerk der Emporien-Forschung im Nord- und Ostseeraum; es sei weit mehr als ein gut kommentierter Katalog, weil die Verfasserinnen den Mut zu kulturhistorischer Auswertung und zur Formulierung von Hypothesen aufbringen. Kritisch merkt er an, dass eine gründlichere Einbeziehung der Grabfunde der anderen skandinavischen Emporien (Ribe, Kaupang, Birka) weitere Perspektiven eröffnet hätte; er formuliert die sich aufdrängenden offenen Fragen: Warum finden sich in den Gräbern von Haithabu nur so wenige der in Birka zahlreichen Münzen, warum wurden in keiner Beisetzung Gewichte beigegeben, warum ist im Gegensatz zu Birka und Kaupang nur weniger als ein Fünftel der Bestattungen mit Beigaben versehen? Sein einziger echter Kritikpunkt ist der verspätete Zeitpunkt der Veröffentlichung — der aber nicht den Verfasserinnen anzulasten sei.

Relevanz für das Reenactment

  • Die Gliederung des Grabfundguts nach Funktionsgruppen (Waffen/Pferdezubehör, Tracht- und Körperschmuck, Tafelgeschirr und persönliches Gebrauchsgut) macht das rezensierte Werk zur Referenz für die Ausstattung einer Haithabu-Darstellung — die Rezension selbst ersetzt die Lektüre des Originals nicht.
  • Wichtige Korrektur gegenüber dem Birka-Bild: In Haithabu enthält weniger als ein Fünftel der Bestattungen überhaupt Beigaben, Münzen sind selten, Gewichte fehlen in den Gräbern ganz. Eine reich beigabenausgestattete Darstellung lässt sich aus den Haithabu-Gräbern nicht begründen.

Verknüpfte Einträge

  • DOI: https://doi.org/10.11588/bjb.2010.0.42635