Körperpflege & Hygiene¶
Die Wikinger waren sehr viel sauberer, als es Filme oder Klischees zeigen. In Birka, Haithabu und York haben Archäologen unzählige Kämme gefunden – Hygiene war ein zentraler Bestandteil des Alltags.
Eine englische Chronik des 13. Jahrhunderts blickt zurück: Die Dänen kämmten sich täglich, badeten samstags und wechselten oft ihre Kleidung – und hätten damit den englischen Frauen den Kopf verdreht. Der zeitgenössische arabische Reisebericht des Ibn Fadlan (10. Jh.) beschreibt tägliche Waschrituale der Rus – allerdings mit Naserümpfen, denn alle nutzten nacheinander dasselbe Waschbecken; aus muslimischer Reinheitsperspektive nannte er sie deshalb „die schmutzigsten Geschöpfe Gottes". Auch angelsächsische Stimmen bestätigen das Bild: Alkuin von York kritisierte schon im 8. Jahrhundert die „Verführungskraft" des gepflegten Auftretens der Nordmänner, und Ælfric von Eynsham erwähnt im 10. Jahrhundert wöchentliche Bäder als üblich.
Funfact
Augen-Make-up in Haithabu: Der arabische Reisende Ibrahim ibn Yaqub beschrieb um 965, dass Männer wie Frauen sich die Augen mit einem dauerhaften Kohl-Kosmetikum umrandeten, das „die Schönheit steigert". Der englische Abt Ælfric schimpfte um 1000 über Landsleute, die sich „auf dänische Art" stylten: Nacken ausrasiert, lange Haare in den Augen. Und rund 130 Männer (vor allem vom gotländischen Gräberfeld Kopparsvik) trugen horizontal in die Schneidezähne gefeilte Rillen — so einheitlich ausgeführt, dass Spezialisten am Werk waren; gedeutet als Erkennungszeichen einer Händlergemeinschaft (Toplak & Kerk 2023).
Kämme, Pinzetten und kleine Pflegewerkzeuge wie Rasiermesser sowie das Waschen von Gesicht und Händen gehörten zur täglichen Körperpflege. Zum Reinigen nutzte man Laugenwasser aus Holzasche oder Kräuteraufgüsse aus Rosmarin oder Salbei – erfrischend, antibakteriell und wohlriechend. Zu unserer Ausstellung gehören drei Kämme in historischem Stil: ein Doppelreihenkamm mit Runeninschrift, ein einreihiger Knochenkamm im Lederetui und ein klappbarer Knochenkamm.
Funfact
Die Kehrseite der Pflege: Das „Lloyds Bank Coprolite" aus York (9. Jh., heute im Jorvik Viking Centre) — ein 20 cm langer versteinerter menschlicher Kotballen — steckt voller Peitschen- und Spulwurmeier, und in über 50 Coppergate-Schichten fanden sich Läuse. Die feinzinkigen Kämme waren also auch Läusekämme (York Archaeological Trust).
Körperhygiene¶
Kern unserer Zusammenstellung zur Körperhygiene ist ein Set modular kombinierbarer Pflegegeräte (Ohrlöffel, Pinzette, Nagelreiniger, Pfriem) an einer Chatelaine samt Kammamulett. In historischem Stil gefertigt; einzelne konkrete Funde sind nicht zugewiesen — vergleichbare Pflegegeräte zeigt Birka (Arbman 1943, Taf. 173; vgl. Schietzel 2014).
Fundvergleich: Original-Pflegegeräte aus Birka-Gräbern (Arbman 1943, Taf. 173) — figürlich verzierte Ohrlöffel/Spatel, am Ring/an Ketten getragen, Vorbilder für die Stücke dieses Chatelaine-Sets. Gräber: 1 Gr. 507, 2 Gr. 660, 3 Gr. 973, 4 Gr. 983, 5 Gr. 38, 6 Gr. 523, 7 Gr. 735(?), 8 Gr. 639.
Die Chatelaine lässt sich unterschiedlich bestücken — hier einige Varianten:
Das Bild vom ‚schmutzigen Wikinger' ist also ein Mythos. In Wahrheit galten sie im europäischen Frühmittelalter als auffallend gepflegt.
Rezepte / Beispiele¶
- Lauge: Holzasche mit Wasser vermischen, einige Stunden stehen lassen → alkalische Lauge zum Waschen von Haaren oder Kleidung.
- Kräuterwasser: Salbei oder Rosmarin in Wasser kochen, abkühlen lassen → erfrischendes Waschmittel mit gutem Geruch.











