Sprachspuren & Redewendungen¶
Wort- und Sprichwort-Herkünfte als Einstieg ins Gespräch — quer über alle Stationen einsetzbar. Wichtig ist die ehrliche Einordnung: Manches ist echtes Wikinger-Erbe, vieles stammt erst aus Rittertum, Zunftwesen oder Neuzeit — und genau diese Richtigstellung ist der Gesprächswert.
Echte Wikinger-Spuren im Englischen (Danelag-Lehnwörter)¶
- window = altnordisch vindauga, wörtlich „Windauge" — die unverglaste Öffnung; verdrängte das altenglische „Augenloch" (eagþyrl). Jedes englische Fenster ist ein Windauge der Wikinger (etymonline).
- law: aus altnordisch lagu/lög, „das Niedergelegte, Festgesetzte" — ausgerechnet das englische Wort für „Gesetz" kommt von den angeblich gesetzlosen Wikingern. Perfekt zur Thing-Station (etymonline).
- husband: altnordisch husbondi — „Hausherr, freier Bauer". Jeder englische Ehemann ist sprachlich ein nordischer bóndi (etymonline).
- they/them: sogar das Pronomen „sie" übernahm das Englische aus dem Altnordischen (þeir) — Pronomen werden praktisch nie entlehnt; das zeigt jahrzehntelanges Zusammenleben, nicht bloße Raubzüge (etymonline).
- egg: altnordisch egg verdrängte das heimische ey — noch im 15. Jh. berichtet der Drucker Caxton von einem Kaufmann, dessen „egges"-Bestellung eine Wirtin nicht verstand: erst „eyren" verstand sie (etymonline).
- ransack: verwandt mit altnordisch rannsaka — ursprünglich ein Rechtsbegriff: die geordnete Haussuchung nach Diebesgut. Die „Plünderer" gaben dem Englischen ein Wort für rechtsförmige Durchsuchung (etymonline). Auch sky (altnord. „Wolke") und wohl knife (nur „wahrscheinlich" altnordisch) gehören hierher.
Nordische Wörter, Mythen entlarvt¶
- „Skål!" heißt schlicht „Schale, Trinkgefäß" — altnordisch skál, verwandt mit dem deutschen „Schale". Der Trinkspruch ist die Kurzform von „din skål!" („auf deine Schale!"): das gemeinsame Trinkgefäß, das in der Runde weitergereicht wurde (etymonline; Store norske leksikon). Die Legende, „Skål!" komme vom Trinken aus den Schädeln erschlagener Feinde, ist Volksetymologie — sie lebt von der Klangähnlichkeit zum englischen skull:
- Die Verwandtschaft der Wörter ist real, läuft aber genau andersherum: Englisch skull stammt wohl von altnordisch skalli „Glatze, Schädel", verwandt mit der Wortfamilie „Schale/Hülle" — der Kopf wurde nach seiner Schalenform benannt, nicht der Trinkspruch nach Schädeln (etymonline).
- Der Schädel-Mythos selbst geht auf eine Fehlübersetzung zurück: In der Skaldenstrophe Krákumál 25 trinken die Gefallenen in Walhall Bier ór bjúgviðum hausa — „aus den gebogenen Hölzern der Schädel", eine Kenning für Trinkhörner (Hörner wachsen gebogen aus dem Rinderschädel). Der dänische Gelehrte Ole Worm übersetzte die Stelle im 17. Jh. lateinisch als Trinken „aus den Schädeln derer, die sie erschlagen hatten" (ex craniis eorum quos occiderant, „Runir seu Danica literatura antiquissima") — aus der Trinkhorn-Kenning wurden Schädelbecher, und diese Fassung machte den Mythos hartnäckig. Getrunken haben die Wikinger aus Hörnern, Glasgefäßen sowie Holz- und Metallbechern (World-Tree Project/University College Cork; Barraclough, OUPblog).
- Berserker = wohl „Bärenhemd": altnordisch ber- „Bären-" + serkr „Hemd, ärmelloses Gewand" — ursprünglich also der in Bärenfell gekleidete Krieger (DWDS/Pfeifer). Die verbreitete Vorstellung, das Wort bedeute „nackt/bloß kämpfend" (zu altnordisch berr „nackt, bloß"), steckt nicht im Wort: Diese Fehldeutung geht auf Walter Scott zurück, der das Wort 1822 mit seinem Roman The Pirate ins moderne Englisch einführte — und dabei offenbar selbst glaubte, es bezeichne einen Krieger, der ohne Rüstung kämpft (etymonline).
- „pay through the nose" („durch die Nase zahlen" = überteuert bezahlen) wird gern mit einer Wikinger-Nasensteuer erklärt: Die Dänen hätten im 9. Jh. von den Iren eine „Nasensteuer" erhoben und säumigen Zahlern die Nase aufgeschlitzt. Der Etymologe Anatoly Liberman zerlegt das: Für das Nasen-Aufschlitzen „existiert kein Beleg", und die Wendung ist erst ab der 2. Hälfte des 17. Jh. nachweisbar (kein Beleg vor 1666) — acht Jahrhunderte nach den Wikingern, viel zu spät für diese Herkunft. Eine „Nasensteuer" gab es zwar, aber unblutig: „Nase" stand dabei schlicht für die Person (wie „pro Kopf" bei der Kopfsteuer). Liberman selbst hält eine nautische Erklärung für plausibel: Die „Nase" des Schiffes ist der Bug — wer viel zahlt, lässt gleichsam die Ankerkette „durch die Nase" auslaufen (Liberman, OUPblog). Muster-Beispiel fürs Mythen-Entlarven.
- Donnerstag/Thursday & Freitag/Friday: Ja, die Tage sind nach Donar/Thor und Frīa/Frigg benannt — aber nicht als Wikinger-Erbe, sondern als Lehnübersetzung der römischen Göttertage: Vorbild ist spätlateinisch Iovis diēs „Jupiters Tag" (Donar übernahm die Rolle Jupiters) bzw. Veneris diēs „Tag der Venus" (daraus frz. vendredi; Frīa entsprach in ihrer Rolle der römischen Liebesgöttin). Die germanischen Göttertage sind also übersetztes römisches Wochensystem aus der Spätantike — viel älter als die Wikinger; englisch Thursday und altnordisch þōrsdagr gehören zur selben Reihe. Hübsches Detail fürs Gespräch: Im Bairisch-Österreichischen heißt der Donnerstag stattdessen „Pfinztag" — über gotische Vermittlung aus griechisch pémptē hēméra „fünfter Tag" (DWDS/Pfeifer).
- lørdag (skandinavisch „Samstag") = altnordisch laugardagr, zu laug „Bad, Badewasser, Waschwasser"; daneben stand gleichbedeutend þváttdagr „Waschtag". Der Samstag war also der Badetag — perfekte Brücke zur Hygiene-Station. Mit ehrlichem Vorbehalt: Der Sprachforscher Didrik Arup Seip führte den Namen nicht auf das Waschen nach der Wochenarbeit zurück, sondern auf kirchliche Reinigungsbräuche des Mittelalters; das Lexikon lässt beide Deutungen nebeneinander stehen (Store norske leksikon).
- „Danegeld zahlen" als Sprichwort für Appeasement ist überraschend jung: Die Tributzahlungen an die Dänen sind historisch (die Zeit Æthelreds, ca. 980–1016) — sprichwörtlich wurde das Danegeld im Englischen aber erst durch Rudyard Kiplings Gedicht „Dane-Geld" von 1911, erschienen im Schulbuch A School History of England, mit dem Refrain: „if once you have paid him the Dane-geld / You never get rid of the Dane" (Kipling Society).
Echte mittelalterliche Sprichwörter (belegt — zum Selbst-Verwenden im Lager)¶
Aus der französischen Sprichwort-Handschrift „Proverbes en Rimes" (15. Jh.) und mittelalterlicher Dichtung, vorgestellt im quellenkritischen Video „Sprichwörter im Mittelalter" (Geschichtsfenster). Mittelalterlich, nicht wikingerzeitlich — aber im Gegensatz zu den üblichen Herkunftslegenden wirklich belegt:
- Bis heute fast unverändert: „eine Hand wäscht die andere" · „der Krug geht zum Fluss, bis er bricht" · „die Rechnung ohne den Wirt machen" · „zwischen zwei Stühlen sitzen" · „schlafende Hunde wecken" · „mit den Wölfen heulen" · „es ist nicht alles Gold, was glänzt" · „das Eisen schmieden, solange es heiß ist" (schon im 14. Jh. bei Boner, „Der Edelstein").
- Gleicher Sinn, andere Worte: das Ferkel im Sack kaufen (heute: die Katze) · „von einem geschenkten Pferd betrachtet man nicht die Zähne" · „Schritt für Schritt fängt der Ochse den Hasen".
- Heute vergessen — Lager-Favoriten: „Ring für Ring wird das Panzerhemd zusammengefügt" (Geduld!) · „der Mörser riecht immer nach Knoblauch" · „wer Nudeln macht, macht Lasagne" (das Wort lasaignes ist im 15. Jh. belegt!) · „am Ofen oder in der Mühle tauscht man Neuigkeiten aus" · „er kocht Suppe in einem Korb" (sinnloses Tun).
- Einordnung dazu: Bibel-Sprichwörter („wer andern eine Grube gräbt…") verbreiteten sich im Deutschen erst mit Luthers Übersetzung — im Mittelalter war die Bibel Latein.
Deutsche Redewendungen — schön, aber NICHT wikingerzeitlich¶
- „etwas im Schilde führen": seit dem 16. Jh. belegt, vom aufgemalten Wappen — am Schild erkannten Eingeweihte Freund oder Feind, also Ritterheraldik (DWDS/Pfeifer; Duden). Daneben kursiert die Deutung, man habe eine Waffe (etwa einen Dolch) hinter dem Schild versteckt — sie ist verbreitet und anschaulich, wird von den etymologischen Wörterbüchern aber nicht gestützt; selbst populäre Redewendungs-Sammlungen führen sie nur als nachträgliche Zweitdeutung. Doppelte Pointe am Wikingerschild: „Unsere Schilde führen nichts im Schilde — Wappen kommen erst Jahrhunderte später. Und die Dolch-Geschichte? Klingt gut, steht aber in keinem Wörterbuch."
- „eine Lanze brechen": Bild vom Ritterturnier, die Redewendung selbst erst 18./19. Jh. (DWDS/Pfeifer).
- „den Fehdehandschuh hinwerfen": Die Geste ist ritterzeitlich, das Wort eine Bildung des 18. Jh. nach französischem Vorbild. Die Wikingerzeit kannte die Fehde, aber nicht den Handschuh-Wurf (DWDS/Pfeifer).
- „jemandem das Handwerk legen": aus dem Zunftwesen — Berufsverbot als Zunftstrafe (Duden).
- „unter die Haube kommen": von der Haube als Kopfbedeckung verheirateter Frauen — direkt an der Frauentracht im Lager vorführbar (Duden).
- „durch die Lappen gehen": Jägersprache — Wild, das die Stofflappen-Absperrung (Verlappung) durchbrach, entkam (DWDS/Pfeifer).
- „Haare auf den Zähnen": Herkunft ungeklärt — nur mit ehrlichem „weiß man nicht" einsetzbar (DWDS).
- „an den Pranger stellen": echt mittelalterlich — der Pranger ist ab der 2. Hälfte des 13. Jh. belegt; nur die übertragene Bedeutung („anprangern") ist erst 19. Jh. (DWDS/Pfeifer).
- „Brief und Siegel geben": echtes spätmittelalterliches Urkundenwesen — „mit Brief und Siegel" seit dem 14. Jh. wörtlich (Brief = Urkunde), seit dem 16. Jh. übertragen (DWDS/Pfeifer).
- „auf dem Holzweg sein": hält der Prüfung stand — mittelhochdeutsch holzwec = Holztransportweg, der im Wald endet; schon im 15. Jh. übertragen für „Irrtum" (DWDS/Pfeifer).
- „das geht auf keine Kuhhaut": überraschend echt mittelalterlich — geht auf Predigtmärlein zurück (Jakob von Vitry: ein Teufel notiert die Sünden auf einem viel zu kleinen Pergament); heutige Form 17. Jh. (DWDS/Pfeifer; Röhrich).
Beliebte „Mittelalter"-Herkunftslegenden — geprüft und wackelig¶
Diese Erklärungen stehen in vielen populären Sammlungen (z. B. Museums-Handouts), halten der Prüfung an den etymologischen Wörterbüchern aber nicht stand — als Mythos erzählen, nicht als Fakt:
- „steinreich" kommt NICHT vom Steinhaus: Es ist ein Verstärkungspräfix wie in „steinalt" (15. Jh.); die Steinhaus-Story steht in keinem Wörterbuch (DWDS/Pfeifer).
- „einen Zahn zulegen" kommt NICHT vom Kesselhaken: Die Fachlexika (Röhrich) führen die Wendung auf den Zahnkranz des Handgashebels früher Automobile/Flugzeuge zurück — Belege erst ab den 1920ern. Die Zahnleisten-Geschichte ist der Klassiker der falschen Mittelalter-Datierung (DWDS).
- „die Kurve kratzen": Das Wort „Kurve" kam erst im 18. Jh. ins Deutsche, die Wendung gilt als Bildung des frühen 20. Jh. — Kutschen im Mittelalter scheiden aus; die Kratzstein-Story ist unbelegt (DWDS/Pfeifer).
- „es brennt mir auf den Nägeln": Erstbeleg 1539; die Mönche-mit-Kerzen-auf-den-Nägeln-„Sitte" wurde erst 1840 (Eiselein) in die Welt gesetzt und schon 1863 bezweifelt. Herkunft ehrlich: ungeklärt.
- „blau machen / blauer Montag": Herkunft nicht geklärt — Pfeifer stützt die liturgische Deutung (arbeitsfreier Fastenmontag, liturgische Farbe Blau) und erwähnt die Färber gar nicht; die beliebte Waid-Färber-Geschichte ist sprachwissenschaftlich umstritten (GfdS; DWDS/Pfeifer).
- „sich aus dem Staub machen": Die Schlachtenstaub-Geschichte ist in keinem Wörterbuch belegt — Herkunft ungeklärt (DWDS).
- „den Löffel abgeben": erst seit dem 19. Jh. belegt; der Löffel steht fürs Essen als Lebensvollzug, die konkreten Geschichten (eigener Löffel des Toten etc.) sind Deutungen, keine Belege (GfdS).
- „ein Brett vorm Kopf haben": Wendung erst 18. Jh.; die Ochsen-Erklärung ist eine Hypothese der Fachliteratur, kein gesicherter Befund (DWDS/Pfeifer).