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Runensteine & Bildsteine

Am Eingang unseres Lagers stehen Runensteine — und das hat seinen Grund: Runen- und Bildsteine gehören zu den wenigen zeitgenössischen Zeugnissen der Wikingerzeit. Während die Sagas erst im 13. Jahrhundert niedergeschrieben wurden und daher auch Erzählungen und Ausschmückungen enthalten, sprechen die Steine direkt aus der Zeit zu uns.

Der Rök-Stein: die längste Runeninschrift der Welt

Der Rök-Runenstein (Ög 136) in Östergötland, Schweden, entstand im frühen 9. Jahrhundert und trägt die längste bekannte Runeninschrift — rund 760 Zeichen, verteilt über mehrere Seiten des Granitblocks. Die Inschrift ist im jüngeren Futhark abgefasst, verwendet daneben aber auch ältere Runen und sogar Geheimrunen.

Gelesen wird der Text als Gedenkinschrift eines Vaters (Varinn) für seinen Sohn, mit Anspielungen auf Sagen- und Heldenstoff — die genaue Deutung ist in der Forschung bis heute umstritten. Der Stein steht noch immer an seinem Platz bei der Kirche von Rök.

Funfact

Ein einziger Stein, mehrere Schriftsysteme: Der Rök-Stein wechselt zwischen jüngerem Futhark, älteren Runen und Geheimrunen — und gibt der Forschung damit seit Generationen Rätsel auf. Was genau Varinn seinem Sohn mitgeben wollte, ist bis heute nicht abschließend entschlüsselt.

Bildsteine: Mythologie in Stein

Auf Gotland entstand eine eigene Gattung: Bildsteine, deren Fläche nicht von Schrift, sondern von Bildern beherrscht wird. Einer der bekanntesten ist der Bildstein von Tjängvide (G 110) aus Kalkstein, typologisch ins 8.–9. Jahrhundert datiert und heute im Statens Historiska Museum in Stockholm.

Seine Bildfläche ist in zwei Register gegliedert: Oben ein großes achtbeiniges Pferd mit Reiter, dem eine Figur ein Trinkhorn entgegenstreckt — die verbreitete Deutung liest das als Odin auf Sleipnir, empfangen bei der Ankunft in Walhall. Wichtig für uns: Das ist Interpretation, nicht gesicherter Bildinhalt. Unten ein Schiff mit gesetztem, rautengemustertem Segel — ein typisches Motiv der gotländischen Bildsteine und eine der wichtigsten zeitgenössischen Quellen dafür, wie Schiffe und Segel der Wikingerzeit aussahen.

Unsere Bildstein-Tafel: Lillbjärs & Lärbro

Unsere „Steine" am Lagereingang sind übrigens keine Steine: Es ist eine beidseitig mit Brandmalerei versehene Holztafel, deren zwei Seiten die Bildflächen zweier gotländischer Bildsteine wiedergeben — bewusst als pädagogisches Ausstellungsstück, nicht als Steinreplik.

Die eine Seite zeigt den Bildstein Stenkyrka Lillbjärs III (G 268) — Fundbeleg: Bildstein_Stenkyrka_Lillbjaers_III (Stenkyrka_Lillbjaers). Zu sehen sind — gerahmt von Flechtbandwerk — oben eine Reiterszene mit Wirbelscheibe und einer Figur mit Trinkhorn (seit der frühen Forschung als „Empfang des Reiters" gedeutet), in der Mitte ein bis heute nicht entzifferbares Runenband und unten ein Schiff mit rautengemustertem Segel und Besatzung. Das Original (Kalkstein, 86 cm hoch, typologisch ca. 700–1000) wurde 1908 im Gräberfeld Lillbjärs gefunden und kam 1909 ans Statens Historiska Museum in Stockholm, wo es laut Katalog seit Juni 2021 in der Ausstellung „Vikingarnas värld" gezeigt wird — die Museums-Angabe auf unserer Tafel stimmt also. Nur der Hofname ist vertauscht: Die Tafel nennt „Smiss (Stenkyrka)" — der echte Bildstein Stenkyrka Smiss I ist ein ganz anderer, 253 cm hoher Schiffsstein, und der steht in der Bildsteinhalle des Gotlands Museums in Visby. Nachprüfen lohnt sich eben doch.

Die andere Seite zeigt den Bildstein Lärbro Stora Hammars I mit dem typischen pilzförmigen Umriss — Fundbeleg: Bildstein_Laerbro_Stora_Hammars_I (Laerbro_Stora_Hammars). Seine Bildfläche ist in sechs Register gegliedert: übereinander liegende Figurenszenen — darunter eine als Opferszene gedeutete Darstellung — und ganz unten ein großes Segelschiff. Das Original (391 cm hoch, typologisch ca. 700–1000) steht rot nachgezeichnet in der Freilichtausstellung des Bunge-Museums auf Nordgotland (GP 253).

Unsere Truhe: Sanda & Ramsund

Auch unsere Holztruhe trägt inzwischen zwei Brandmalereien nach steinernen Vorbildern — wie die Tafel als pädagogische Schaustücke gedacht, nicht als Steinrepliken.

Das erste Motiv gibt den Runenstein Sanda kyrka I (G 181) wieder — Fundbeleg: Runenstein_Sanda_G181 (Sanda_Kyrka). Der pilzförmige Kalkstein wurde 1863 auf dem Kirchhof von Sanda auf Gotland gefunden und steht heute im Statens Historiska Museum in Stockholm. Sein Runenband nennt drei Männernamen — Hróðvísl, Farbjǫrn und Gunnbjǫrn. Die Bildfläche zeigt oben eine gerahmte Kammer mit drei Personen und einem langhalsigen Vogel, darunter einen Zug dreier Figuren mit Geräten, ein rundes Objekt und eine flammenartige Form. Die verbreitete Deutung der drei Figuren als Göttertriade Odin, Thor und Freyr ist — wie immer — Interpretation, nicht gesicherter Bildinhalt.

Das zweite Motiv ist streng genommen gar kein Stein: Die Sigurdritzung von Ramsund (Sö 101) — Fundbeleg: Sigurdritzung_Ramsund_Soe101 (Ramsundsberget) — ist eine meterbreite Felsritzung des 11. Jahrhunderts bei Sundbyholm in Södermanland. In und um zwei bandförmige Drachentiere erzählt sie die Sigurd-Sage: Sigurd durchsticht den Drachen Fafnir von unten durch das Runenband, brät das Drachenherz am Feuer, versteht nach dem Ablecken des Daumens die Sprache der Vögel, die ihn vor dem verräterischen Schmied Regin warnen — der enthauptet neben seinen Werkzeugen liegt —, und das Pferd Grani trägt den Goldschatz. Das Runenband selbst ist eine Brückenbau-Inschrift: Gestiftet hat das Denkmal eine Frau, Sigríðr, „für die Seele Holmgeirrs". Besonders macht die Ritzung, dass der Sagenstoff der erst im 13. Jahrhundert niedergeschriebenen Völsunga-Saga hier bereits zeitgenössisch im Bild belegt ist.

Belegt oder später erzählt?

Genau hier zeigt sich, warum wir bei jeder Station zwischen Beleg und Erzählung unterscheiden: Die Steine selbst sind echte, zeitgenössische Funde — was auf ihnen steht und zu sehen ist, ist Fakt. Aber schon ihre Deutung (Ist der Reiter Odin? Was wollte Varinn sagen?) ist Interpretation der Forschung. Und vieles von dem, was wir heute über die nordische Mythologie zu wissen glauben, stammt aus Texten, die Jahrhunderte später aufgeschrieben wurden.