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Götter, Glaube & Bestattung

Wenn wir heute über die Götter der Wikinger sprechen, müssen wir uns zuerst klarmachen: Das meiste Wissen stammt gar nicht direkt aus der Wikingerzeit. Unsere wichtigsten Quellen sind die Eddas, die Snorra-Edda und die Lieder-Edda – isländische Texte aus dem 13. Jahrhundert. Zu dieser Zeit war Skandinavien längst christianisiert. Das heißt: Was wir lesen, ist eine Mischung aus alten Mythen und späteren Einflüssen.

Die zentrale Figur ist Odin – der Allvater. Er ist kein einfacher Kriegsgott, sondern eher der Herr der Elitekrieger, ein Gott des Wissens, der Magie und der Macht. Ihm zur Seite stehen seine beiden Raben Hugin und Munin, die täglich durch die Welt fliegen und ihm Nachrichten bringen. Außerdem begleiten ihn die Wölfe Geri und Freki und sein achtbeiniges Pferd Sleipnir (wohl dargestellt auf dem Bildstein von Tjängvide).

Ganz anders wirkt Thor. Viele stellen ihn sich als typischen Kriegsgott vor – tatsächlich ist er aber vor allem ein Beschützer. Sein Hammer Mjölnir steht für Schutz und Segnung. Als Amulett findet man ihn in Dänemark überwiegend in Frauengräbern, in Schweden dagegen bei Frauen wie Männern; die meisten Thorshämmer stammen ohnehin nicht aus Gräbern, sondern aus Siedlungen und Horten (ausführlich: Faktenblatt Thorshammer). Thor fährt übrigens nicht auf einem Pferd, sondern in einem Wagen, gezogen von seinen beiden Ziegen Tanngnjóstr und Tanngrisnir, die er sogar essen und wieder zum Leben erwecken kann.

Anhänger

Kuratierte Sammlung mehrerer Anhänger-Stücke verschiedener Motive. Die Motive gehören zum breiten Korpus wikingerzeitlichen Amulett- und Anhängerschmucks (vgl. Arbman 1943; Roesdahl 1992; Kershaw 2017); für die Einzelstücke ist kein konkretes Fundvorbild belegt. Die Sammlung bündelt mehrere Inventar-Gegenstände.

Thorshämmer (Mjölnir) — zur Fundverteilung siehe das Faktenblatt Thorshammer:

Axt-Amulett und Anhänger mit Jelling-, Mammen- und Borre-Ornamentik:

Weitere Motive — Bogen/Lunula, Lebensbaum und Vögel:

Freyr, Freyja & die Walküren

Dann gibt es die Geschwister Freyr und Freyja. Freyr steht für Fruchtbarkeit und Wohlstand, sein Symboltier ist der goldene Eber Gullinborsti. Freyja dagegen verbindet Liebe und Magie – aber auch Krieg. Sie erhält die Hälfte der Gefallenen und bringt sie nach Fólkvangr in ihren Saal Sessrúmnir, während Odin die andere Hälfte nach Walhalla holt. Ihr Wagen wird von Katzen gezogen – ein ungewöhnliches, aber sehr altes Motiv. Der ursprüngliche Kriegsgott war wohl Týr – ein Gott des Rechts und der Vertragstreue. Doch im Laufe der Zeit wurde er von Odin überlagert.

Walküren-Anhänger (Suffolk)

Anhänger vom Typ des silbernen Walküren-/Frauenfigur-Anhängers aus Wickham Market, Suffolk (England), überliefert als Detektor-/Streufund im PAS-Datensatz SF9305 — Fundbeleg: Walkuere_Anhaenger_Wickham_Market (Wickham_Market). Solche figürlichen Anhänger gelten als anglo-skandinavische Erzeugnisse der Wikingerzeit (vgl. Roesdahl 1992).

Walküren-Anhänger (Tuna)

Anhänger vom Typ der Frauenfigur aus dem Bootsgräberfeld Tuna i Alsike, schwedisches Uppland. Das Original ist über den SHM-Sammlungskatalog museal belegt — Fundbeleg: Walkuere_Anhaenger_Tuna_Alsike (Tuna_Alsike); figürliche Frauen-/Walküren-Anhänger gehören zum wikingerzeitlichen Schmuck Skandinaviens (vgl. Arbman 1943; Roesdahl 1992).

Weltbild & Alltagsglaube

Die Welt selbst stellten sich die Menschen als gewaltigen Baum vor: Yggdrasil. In seinen Ästen sitzt ein Adler, an seinen Wurzeln nagt die Schlange Níðhöggr, und dazwischen rennt das Eichhörnchen Ratatöskr hin und her und überbringt – oder eher verdreht – Nachrichten. Eine Art mythologischer Klatschbote.

Auch das Jenseits war differenzierter, als man oft denkt: Wer im Kampf fiel, konnte nach Walhalla oder zu Freyja kommen. Wer eines natürlichen Todes starb, gelangte in das Reich Hel – kein Ort der Strafe, sondern einfach ein ruhiger Aufenthaltsort.

Und ganz wichtig: Religion war nicht nur etwas für große Tempel oder Feste. Natürlich gab es solche – etwa das berühmte Opferfest in Uppsala, das der christliche Chronist Adam von Bremen im 11. Jahrhundert beschreibt, vermutlich übertrieben oder zumindest gefärbt durch seine christliche Perspektive. Aber der Alltag war viel entscheidender: ein Schluck Bier für die Götter, ein Stück Brot am Herd – kleine Gesten, die zeigen, wie nah diese Welt den Menschen war.

Funfact

Die Seherin von Fyrkat — das reichste Frauengrab in Harald Blauzahns Ringburg (um 980): eine Wagenkasten-Bestattung mit blau-roter Kleidung mit Goldfäden, einem Eisenstab (gedeutet als Völva-Stab), einem Beutel mit giftigen Bilsenkrautsamen und einem stuhlförmigen Silberamulett. Die Objekte sind gesichert, die Völva-Deutung ist Interpretation — aber die Pointe bleibt: eine heidnische Magierin mitten in der Burg des „Taufkönigs" (Nationalmuseet).

Einordnung

Zum berüchtigten „Blutadler": 2022 prüfte ein Team aus Historikern und Anatomen die neun mittelalterlichen Erwähnungen (Speculum 97/1) — technisch durchführbar, aber es gibt keinen einzigen archäologischen Nachweis, und die Quellen sind spät und literarisch; ob der Ritus je real praktiziert wurde, bleibt offen. Ähnlich die Berserker: Die Skaldik des 9./10. Jahrhunderts zeigt sie als Elitekrieger im Königsgefolge, erst die spätere Sagaliteratur macht sie zu Wüterichen. Die Bilsenkraut-These zur „Berserkerwut" bewertet Toplak als plausibel, aber spekulativ — der Fliegenpilz-Mythos ist jedenfalls nicht belegt.

Bestattung

Die Menschen der Wikingerzeit stellten sich das Jenseits sehr unterschiedlich vor. Es gab nicht nur eine einzige Vorstellung, sondern verschiedene Möglichkeiten. Man fand Brandbestattungen, Körpergräber und die berühmten Schiffsgräber wie in Oseberg – dem Grab zweier Frauen – und Gokstad in Norwegen. Dort wurden Verstorbene mitsamt prunkvollen Grabbeigaben – von Wagen über Textilien bis hin zu Pferden – in einem Schiff beigesetzt. Schiffe waren Sinnbild für die Reise ins Jenseits; manche wurden verbrannt und „fuhren" so im Rauch in die andere Welt.

Daneben gibt es auch sogenannte Schiffssetzungen: Steinreihen, die in der Form eines Schiffes angeordnet wurden – wie Anundshög in Schweden, das Gräberfeld Lindholm Høje bei Aalborg oder Jelling in Dänemark. Auch sie symbolisierten die Fahrt der Toten in die andere Welt.

Die Grabbeigaben waren vielfältig: Waffen, Schmuck, Werkzeuge, manchmal sogar Tiere – und Spiele wie Würfel, Unterhaltung fürs Jenseits. Alles, was man im Jenseits brauchte, nahm man mit. Für die meisten Menschen war wichtig, dass die Verstorbenen gut ausgestattet waren. Die Gräber zeigen uns, dass man das Leben nach dem Tod ganz praktisch als eine Fortsetzung des Diesseits verstand.

Funfact

Wikinger bestatteten ihre Toten teils bewusst in jahrhundertealten, fremden Grabhügeln — Anschluss an (echte oder imaginierte) Ahnen als Landanspruch. Toplaks Merksatz dazu: Gräber sind Inszenierungen der Bestattenden, ein „Zerrspiegel des Lebens".

→ In der Ausstellung: Schmuck