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Kochen & Nahrung

Die Ernährung im Frühmittelalter war vielfältiger, als viele denken. Die Grundlage bildeten Getreide – vor allem Gerste, daneben Roggen und Hafer; Weizen war selten und eher Luxus. Daraus machte man Brei, Fladen oder Brot. Dazu kamen Erbsen, Bohnen, Linsen, Kohl, Lauch, Rüben, Pastinaken und Zwiebeln sowie Obst und Beeren – Äpfel, Birnen, Pflaumen, Him-, Erd- und Heidelbeeren, frisch, getrocknet oder als Mus – und Haselnüsse als wichtige Energiespender; Walnüsse waren Importware.

Funfact

In Birka-Brandgräbern fanden sich verkohlte Brote — das Bestattungsfeuer hat sie konserviert; die Analysen zeigen neben Getreide auffällig viel Leinsamen, Gänsefuß und Leindotter im Teig (Hansson). Und Haithabu leistete sich Snack-Importe: massenhaft Walnussschalen, dazu sogar Pfirsich- und Weintraubenreste — alles im südskandinavischen Klima kaum kultivierbar, der Speiseplan als Fernhandelsbeleg (Karg 2012).

Fleisch war keine Seltenheit. Funde aus Haithabu und Birka zeigen viele Tierknochen: Rinder, Schweine, Schafe, Ziegen und Geflügel gehörten regelmäßig auf den Tisch. Wild kam nur ergänzend dazu. Besonders wichtig war Fisch – Hering, Kabeljau oder Lachs, frisch oder getrocknet; getrockneter Kabeljau (Stockfisch) wurde zum wichtigsten Exportgut Skandinaviens –, ebenso Muscheln an den Küsten. Milchprodukte wie Käse, Butter oder Sauermilch rundeten die Ernährung ab.

Einordnung

Für Haithabu liest Toplak die Tierknochen-Analysen anders: Bei den meisten Menschen kam Fleisch eher selten auf den Tisch (vor allem Schwein und Rind); wichtigster Speisefisch war der Hering, gejagt wurde kaum. Wie oft Fleisch auf den Tisch kam, hing wohl stark von Ort und Stand ab.

Gewürzt wurde durchaus: Dill, Kümmel, Koriander, Senf, Wacholder oder Meerrettich – dazu Knoblauch, Zwiebeln und Lauch. Kleine Richtigstellung am Rande: Oft liest man „Kreuzkümmel" – gemeint ist aber der heimische Wiesenkümmel; echter Kreuzkümmel aus dem Mittelmeerraum ist für die Wikingerzeit nicht nachgewiesen. Salz war ebenfalls vorhanden und nicht unbezahlbar, sondern ein alltäglicher Bestandteil, vor allem beim Haltbarmachen von Fleisch und Fisch. Gekocht wurde in Tontöpfen und Eisenkesseln, gebacken auf heißen Steinen oder im Lehmofen; haltbar machte man Vorräte auch durch Räuchern, Trocknen und Fermentieren.

Funfact

Im Umfeld Dublins wurde über Jahrtausende — bis in die Wikingerzeit — „Moorbutter" in irisch-schottischen Mooren vergraben: Analysen zeigen echte Milchbutter, wohl zur Kühlung und Vorratshaltung (Scientific Reports 2019).

Und was trank man dazu? Wasser wurde ganz selbstverständlich getrunken, vor allem frisch aus Brunnen oder Quellen – Brunnenanalysen aus Haithabu und Ribe belegen trinkbares Wasser (Roesdahl 1998). Wenn man es allerdings in Holzfässern oder Eimern aufbewahrte, begann es schnell muffig zu schmecken – das lag am Holz selbst. Deshalb mischte man oft Kräuter oder Früchte hinein, um den Geschmack zu verbessern. In dicht besiedelten Orten wie Haithabu oder Dublin konnte Wasser zusätzlich durch Abfälle verunreinigt sein. Dort war Dünnbier die bessere Wahl: ein schwach alkoholisches, nahrhaftes Getreidegetränk mit vielleicht 1–2 %. Es wurde beim Brauen abgekocht, hielt länger frisch und schmeckte besser als abgestandenes Wasser. Dünnbier war ein Alltagsgetränk für Männer, Frauen und Kinder. Starkes Bier oder Met war dagegen eher etwas für Feste, Wein importierter Luxus.

Unser Glockenbecher ist formgleich zum Reticella-Becher aus Birka-Grab Bj 649 — Fundbeleg: Glasbecher_Bj649_Birka (Bj649_Birka); der Reisebecher lehnt sich an Birka-Tongefäße aus Grab 457 an (Arbman 1943, Abb. 71).

Einordnung

Der populäre Mythos lautet übrigens umgekehrt: „Man trank Bier, weil Wasser gefährlich war." Tatsächlich war Wasser das normale Alltagsgetränk; schwaches Bier war Nahrungs- und Genussmittel — laut Nationalmuseet ausdrücklich „für Kinder und Erwachsene geeignet". Ale-Brauerei ist etwa in Haithabu und Uppåkra belegt (Arneborg 2004).

Und was es nicht gab? Exotische Gewürze wie Pfeffer, Zimt oder Nelken, die man heute oft mit Mittelalterküche verbindet. Diese kamen erst viel später nach Europa – vereinzelte importierte Gewürzreste in Silberfunden belegen Handel, nicht Alltagsküche. Die Küche war also bodenständig – aber dennoch abwechslungsreich und überraschend aromatisch.

Beispielgericht

Gerstenbrei mit Gemüse & Kräutern

  • Basis: Gerste (oder Graupen), gekocht mit Wasser oder Milch.
  • Zutaten: Lauch/Zwiebeln, Rüben/Pastinaken, Erbsen.
  • Würze: Dill, Petersilie, Koriander, Salz.
  • Fleisch: oft ein Knochen oder Speckstück für mehr Geschmack.

👉 Ergebnis: ein nahrhafter, aromatischer Brei – kein fades Essen, sondern variabel und würzig.

„Ein typisches Gericht war ein Gerstenbrei mit Gemüse und Kräutern. Dazu kamen Lauch, Rüben oder Kohl, gewürzt mit Dill oder Koriander. Oft kochte man auch Fleisch oder Knochen mit aus – durch die Viehhaltung war Fleisch regelmäßig verfügbar, wenn auch nicht immer die besten Stücke. Das Ergebnis war ein kräftiger, abwechslungsreicher Brei, der sehr unterschiedlich schmecken konnte – also weit entfernt vom Mythos vom faden Mittelalteressen."

→ In der Ausstellung: Geschirr (Reticella-Glasbecher im Birka-Typ Bj 649) · Löffel · Hausrat