Zum Inhalt

The Hoarding Vikings

Informationen
Autor
Gitte Tarnow Ingvardson
Untertyp
Monografie
Erscheinungsjahr
2025
Sprache
Englisch
Verlag
Routledge
Verlagsort
Abingdon, Oxon / New York
Reihe
Routledge Archaeologies of the Viking World
ISBN
978-1-032-64762-3
DOI
10.4324/9781032647760
Zugang
Open Access (CC BY 4.0)
URL
www.routledge.com/The-Hoarding-Vikings/TIngvardson/p/book/9781032647623

Die Monografie untersucht die wikingerzeitlichen Silberhorte der dänischen Ostsee-Insel Bornholm und fragt, ob die Horte Spuren der Menschen bewahren, die sie zusammentrugen, handhabten und niederlegten. Bornholm ist mit über 100 bekannten bzw. vermuteten Horten auf nur 588 km² eine außergewöhnliche Fundlandschaft; 35 Horte an 34 Fundplätzen sind archäologisch untersucht und bilden die empirische Grundlage. Der zeitliche Rahmen ist die Hortchronologie selbst: ca. 850 bis ca. 1150 (ältester Hort: Dirhem-Hort von Skovsholm, ca. 855–900; jüngster Hort wikingerzeitlichen Charakters: Smedegård NØ, nach 1150). Das Buch beruht auf der Dissertation der Autorin, Kuratorin des Münzkabinetts am Historischen Museum der Universität Lund.

Methodisch ist der Ansatz holistisch: Alle Bestandteile eines Hortes gelten als gleich wichtig, und erst im Zusammenspiel von archäologischen und numismatischen Daten, von Produktions-, Zirkulations- und Deponierungsdaten treten die Funktionen der Horte hervor. Ausgewertet wurden die Produktionsdaten von 13.869 Objekten, die Zirkulationsdaten von 9.189 Objekten und die Deponierungskontexte von 34 Horten. Als theoretischer Rahmen dient Bourdieus Konzept von Kapital und Feld (ökonomisches, soziales, kulturelles, symbolisches Feld). Neu eingeführt wird die „biographische Chronologie" der Horte, mit der sich unterschiedliche Akkumulationsphasen und -strategien innerhalb eines Hortes unterscheiden lassen.

Zentrale Ergebnisse:

  • Horte sind kein einheitliches Phänomen. Ihre Zusammensetzung ist keine Zufallsstichprobe des verfügbaren Silbers, sondern spiegelt Entscheidungen einzelner Personen; die Motive der Niederlegung variieren nach Horttyp und schlagen sich im Deponierungskontext nieder.
  • Der Deponierungskontext verrät die Funktion. Fast die Hälfte der Horte (15) wurde zentral in oder unmittelbar neben einem Wohnhaus niedergelegt (überwiegend Handelssilber), weitere in der Siedlungsperipherie, wenige ohne Siedlungsbezug. Einzelfälle sind besonders aussagekräftig: Nordre Stensebygård lag in bzw. an einer Silberschmiedegrube (Rohmaterial), Rabækkegård in einem Grab (Beigabe), Krusegård in/an einem Feuchtgebiet (symbolisch); Buddegård und Tyskegård werden als Besitzmarkierung oder Opfer für neu urbar gemachtes Land gedeutet.
  • Wechsel der Silberströme: von der Dominanz islamischer Münzen (abbasidisch, vor allem samanidisch) hin zu westeuropäischen Prägungen (deutsch, englisch). Ab ca. 990 kommt englisches Silber hinzu – teils aus Raubzügen/Danegeld (Tyskegård, Store Frigård II), teils aus Handel (u. a. Sigtuna, Lund; anglo-skandinavische Münzen). Damit weitet sich der Kreis der Silberbesitzer über die alte Elite hinaus aus.
  • Gewichtsgeldwirtschaft: Fragmentierung und Prüfmarken (Pecks, Kerben, Einhiebe) sind allgegenwärtig – markiert sind u. a. 74 % der Münzen, 73 % der Barren, 71 % der „persönlichen" Objekte, 52 % der Schmelzklumpen/Hacksilber, aber nur 24 % des Schmucks. Die Gewichtsverteilungen von Münzen und Hacksilber ergänzen einander, was auf ein gemeinsames Gewichtssystem hindeutet, in dem ganze Münzen bewusst geschont wurden (Doppelnutzung in Gewichts- und Münzwirtschaften). Standardisierte Bronzegewichte (kugelig mit Eisenkern, polyedrisch) und genaue Klappwaagen gelten als Beleg für Silberwägung; Bleigewichte stehen eher mit Handwerk in Verbindung.
  • Nicht nur Silber: Auch ausgewählte Bronzen und Gewichte wurden mitdeponiert – gegen die bisherige Annahme, Bornholmer Horte enthielten nur Silber (und selten Gold).
  • Westslawische Verbindungen sind durchgehend fassbar (slawischer Schmuck in Nørremølle, Pæregård, Skovvang; Keramik, Frauentracht, Bestattungssitten) – Slawen waren offenbar fester Teil der Bornholmer Gesellschaft.
  • Ende der Hortsitte: Der Rückgang der Deponierungen ab Mitte des 11. Jahrhunderts wird mit der allmählichen Christianisierung und wirtschaftlicher Stagnation erklärt; im Norden der Insel hielt die Sitte bis um 1100 an.

Kapitel

  1. Bornholm: a treasure island
  2. The multi-causal hoards
  3. Identifying Bornholm's hoards: content, character, and chronology
  4. Classification of production, circulation, and distribution data
  5. Silver flows: analysis of production data
  6. Stab, bend, and cut: analysis of circulation data
  7. Containers, structures, and sites: analysis of deposition data
  8. The hoards in local and regional contexts
  9. The hoarding Vikings

Dazu ein Katalog der Horte (S. 244 ff.), Anhang 1 (abweichende Münzen und Schlussmünzen), Anhang 2 (Spuren von Handel und Handwerk). Ergänzende Objektlisten, Verbreitungskarten und Chronologiediagramme stehen als „Support Materials" beim Verlag online.

Relevanz für das Reenactment

  • Handelsausstattung: Waage, Gewichte, Münzen und Hacksilber sind hier nicht Beiwerk, sondern der Kern der Argumentation – gut belegte Grundlage für die Darstellung eines Händlers.
  • Prüfmarken und Fragmentierung: Pecks, Kerben und Verbiegungen an Münzen und Silber sind der Normalfall, nicht die Ausnahme – wichtiges Detail für glaubwürdige Repliken von Hacksilber und Münzen.
  • Gewichtstypen: kugelige Bronzegewichte mit Eisenkern und polyedrische Gewichte gehören zur Silberwägung; Bleigewichte eher ins Handwerk.
  • Behältnisse: Für Horte sind u. a. Reste eines Lederbeutels (Ahlesminde) und ein Rindenbündel mit 18 Silberbarren (Smedegård NØ II) dokumentiert – Hinweise auf die Aufbewahrung von Silber am Mann.
  • Raubzug vs. Handel: Das Buch zeigt an konkreten Horten, dass beide Erwerbswege dieselbe Person betreffen konnten (Store Frigård II, Gyldensgård SV) – nützliche Fundierung für Darstellungskonzepte.

Verknüpfte Einträge